Zeit

Zeit kann man nicht sparen, nur nutzen. Wer seine Zeit sinnvoll und gut strukturiert einsetzt, hat am Ende mehr Zeit für die schönen Dinge des Lebens. Aber auch diese Zeit können wir nicht sparen, sie bringt uns nur etwas, wenn wir sie in dem Moment nutzen, in dem wir sie haben. 🙂

Der 30-Sekunden-Tipp

Das kleine, böse Zeitfresserchen

Der 30-Sekunden-Tipp

Denkt Euch in eine völlig chaotische Wohnung. Schaut Euch dort in Gedanken um. Fixiert einzelne Teile, die herumliegen.

Da liegt ein blaues Kleid, das auf der Suche nach etwas Passendem für den letzten Restaurantbesuch achtlos auf den Boden geworfen wurde. Es war doch nicht ganz das richtige für den Abend. Wenn die Besitzerin das Kleid gleich nach dem Entschluss, es an jenem Abend doch nicht anzuziehen, wieder in den Schrank gehängt hätte, hätte das ungefähr fünf Sekunden gedauert. Die herausgeräumten Schuhe, bis sie dann endlich die richtige gefunden hatte, hätten ebenfalls ungefähr fünf Sekunden gebraucht, um wieder in den Schuhschrank zurück geräumt zu werden. Nun liegen sie aber auf dem Fußboden neben dem Kleid.

Eine Zahnpastatube zudrehen und zurück in den Spiegelschrank legen: drei Sekunden, ich habe es nachgemessen. Für das benutzte Geschirr vom Frühstück braucht jede Person 10 – 15 Sekunden, um es in die Spülmaschine oder Spülschüssel zu räumen. Wenn jeder seine Sachen wegräumt, hat niemand über 30 Sekunden damit zu tun.

Angenommen, man hätte alle diese kleinen Dinge sofort getan, weil sie nicht länger als 30 Sekunden dauern, dann sähe die Wohnung jetzt deutlich aufgeräumter aus und es wäre auch nicht später als jetzt. Denn: Man kann Zeit nicht verlieren und nicht sparen, man kann sie nur nutzen oder nicht nutzen.

Das kleine böse Zeitfresserchen

Es war einmal ein kleines, böses Zeitfresserchen. Kaum jemand konnte es erkennen, obwohl es bei wirklich vielen Menschen auf der Schulter wohnte. Unter anderem auch bei Frau S. Jeden Morgen, wenn sie erwachte, saß das kleine Zeitfresserchen bereits auf ihrer Schulter und hatte nur das eine Ziel: Die Zeit von Frau S. zu fressen.

Jeden Morgen, wenn Frau S. aufwachte, musste Sie über mehrere Wäscheberge steigen, um ins Badezimmer zu kommen. Frau S. bückte sich, um einen Wäschestapel gleich mit ins Bad zur Waschmaschine zu nehmen, aber das Zeitfresserchen zischte ihr ins Ohr: „Was hast du vor? Willst du die Wäsche unsortiert waschen? Und schau mal die anderen Wäschehaufen. Das musst du doch erst mal alles durchsortieren, damit du die Waschmaschine optimal nutzen kannst. Also lass es doch jetzt erst mal liegen! Für so große Aktionen hast du doch jetzt gar keine Zeit.“ Frau S. ließ den Wäschehaufen fallen und taumelte müde ins Bad. „Duschen wäre jetzt schön,“ dachte sie, aber das Zeitfresserchen kannte sich in ihren Gedanken gut aus und wandte gleich ein: „Dazu müsstest du hier ja erst mal Ordnung schaffen, die Dusche steht voller Gerümpel. Frau S. wusch sich die Hände und das Gesicht, suchte nach einem sauberen Handtuch, fand keins und wischte sich die Hände am Nachthemd ab. „Naja,“ dachte sie, „ein weiteres Argument gegen das Duschen, wenn ich nicht mal ein sauberes Handtuch finde.“

Nachdem sie sich mühsam über das Gerümpel am Boden bis zum Hängeschrank in der Küche vorgearbeitet hatte, stellte sie fest, dass dort keine Kaffeepads waren. Aber irgendwo mussten hier welche sein, da war sie sicher. Sie hatte erst gestern oder vorgestern welche gekauft, konnte nur gerade die Plastiktüte nicht finden, in der die Pads sein mussten. Sie hatte den Einkauf bewusst noch nicht in die Schränke geräumt, weil das Zeitfresserchen sie ermahnt hatte, die Sachen auf keinen Fall in die unaufgeräumten Schränke zu packen. Sie solle die erst mal gründlich aufräumen und auswaschen, wenn Sie mal echt viel Zeit hätte. Vorher hätte es überhaupt keinen Sinn, irgend etwas in die Schränke zu tun.

Egal. Erstmal brauchte sie sowieso eine saubere Tasse und Wasser für den Kaffee. Die Plastiktüte würde sich sicher irgendwo finden lassen. Frau S. fischte sich eine schmutzige Tasse aus dem überfüllten Spülbecken und nahm den Wassertank von der Kaffeemaschine, um sich wieder in Richtung Badezimmer durchzukämpfen. Sie musste bereits seit Wochen – oder waren es Monate? – Wasser im Badezimmer holen, weil die Spüle in der Küche nicht mehr abfloss. Das Zeitfresserchen hatte ihr geraten, erst einmal einen Klempner kommen zu lassen. Vorher sei sowieso nichts zu machen. Aber vor dem Klempner müsse sie natürlich erst mal die Wohnung in Ordnung bringen. Die ganze Wohnung natürlich! Keine halben Sachen! Nicht mal so im Vorbeigehen! Was, wenn der Klempner in die Ecken guckte? Das wäre nun wirklich zu peinlich!

Nachdem Frau S. sich im Bad über der Wanne die Tasse gespült und Wasser für den Kaffeeautomaten geholt hatte, dachte sich kurz darüber nach, ob sie heute nicht vielleicht das Bad mal gründlich machen sollte. Aber das Zeitfresserchen fand gleich einen neuen Einwand: „Dafür hast du keine Zeit. Schau nur mal die Wäscheberge, die in der ganzen Wohnung verstreut sind. Du hast ja nichts mehr zum Anziehen im Schrank. Und vergiss nicht die Küche, die macht sich auch nicht von alleine. Du findest ja nicht einmal mehr den Kaffee in Deinem Chaos! Und ohne Kaffee kommst du sowieso nicht in die Gänge, also such endlich die verdammte Plastiktüte mit den Kaffeepads! In der Tüte müsste auch noch Butter sein, die gehört sowieso in den Kühlschrank. Und wie der aussieht, weißt du ja genau, oder? Da kannst du jetzt keine frische Butter rein tun, der muss erst mal abgetaut und gründlich ausgewaschen werden. Aber dazu muss erst mal die Spüle funktionieren, sonst geht das ja wohl kaum.“

Und so ging es Frau S. jeden Tag und jede Stunde aufs Neue mit ihrem Zeitfresserchen auf der Schulter. Den ganzen Tag kreisten ihre Gedanken um – den perfekten! – Haushalt. Nur leider fehlte ihr dafür immer die Zeit.

Aber eines Tages passierte etwas Merkwürdiges: Ein liebes, großes Zeitschenkerchen saß auf Frau S.‘ Schulter. Seine Stimme war fröhlich, deutlich und vor allem übertönte sie das üble Gezische des bösen, kleinen Zeitfresserchens, das somit kaum noch zu hören war.

Als Frau S. sich nach dem Aufstehen nach einem Stapel Wäsche bückte, sagte das Zeitschenkerchen: „Prima, das kannst du wirklich problemlos und ohne Zeitinvestition mit ins Bad zur Waschmaschine mitnehmen. Und wo du schon mal dabei bist: Es geht ja ruckzuck, ein paar passende Teile für eine Maschinenfüllung mitzunehmen.“ Also schnappte sich Frau S. einen Berg zusammenpassender Teile und stolperte über den Krempel am Boden in Richtung Bad.. Dort angekommen, zweifelte sie an ihrem Vorhaben, denn sie konnte das Waschpulver nicht finden. Aber ihr Zeitschenkerchen tröstete sie: „Du musst ja jetzt nur einmal suchen, dann hast du es und kannst ihm einen festen Platz geben. Danach musst du nie wieder nach dem Waschpulver suchen und die kleine Zeitinvestition hat sich schon rentiert.“ Nachdem Frau S. das Brummen der Waschmaschine hörte, fühlte sie sich irgendwie beschwingt. Sie stieg über ihre altgewohnten Krempelberge in Bad und Diele Richtung Küche und überlegte, ob das Chaos wohl jemals in den Griff bekommen könnte. Wenn es nach dem Zeitfresserchen ging, sicher nie. Aber auch ihr Zeitschenkerchen konnte Gedanken lesen und klinkte sich gleich in die Überlegungen ein: „Klar kannst du das schaffen! Du musst ja nicht alles an einem Tag machen. Wie wäre es, wenn du in der Küche anfängst und dort die Spüle frei räumst. Dann kannst du mal schauen, was da los ist und warum sie nicht abläuft. Mehr steht heute nicht auf dem Programm. Versprochen!!“

„Eine Spüle ausräumen ist eine überschaubare Größe,“ dachte Frau S. und ging auf den Deal ein. Sie räumte das schmutzige Geschirr überall hin, wo irgendwie noch ein bisschen Platz zu finden war. Am Grund der Spüle angekommen sah sie auch gleich das Problem. Ein alter, stinkender Spüllappen hatte den Abfluss verstopft. Sie entfernte ihn angewidert mit spitzen Fingern und ließ Wasser in die Spüle laufen. Es kostete wirklich Überwindung und Kraft, die Dreckränder aus der Spüle zu schrubben, aber es machte auch irgendwie Freude! Frau S. gab sich mit aller Energie dieser Aufgabe hin und staunte, wie schnell sie die Aufgabe letzten Endes bewältigt hatte.

Als die Spüle sauber war, sagte das Zeitschenkerchen: „Jetzt hast du Dir eine Belohnung verdient. Was hältst du von einer schönen Tasse Kaffee?“ „Ja,“ strahlte Frau S., „die habe ich mir verdient.“ Sie füllte – heute das erste mal seit Monaten – den Wassertank ihres Kaffeeautomaten direkt in der Küche. Allein das war schon ein wundervolles Gefühl. „Während du auf den Kaffee wartest, kannst du ja rasch ein paar Teile spülen, dann hast du gleich auch eine saubere Tasse und einen Kaffeelöffel,“ schlug das Zeitschenkerchen vor. „Ist ja kein Zeitaufwand, nicht wahr? Du hättest ja sowieso an der Spüle gestanden und auf den Kaffee gewartet.“ „Ja,“ sagte Frau S. „aber schau mal wieviel Geschirr das ist. Bis ich das alles gespült habe und vorher die Schränke aufgeräumt, damit ich es einräumen kann, bis dahin ist es ja Abend ….“ „Ach was,“ sagte das Zeitschenkerchen, „du musst ja heute nicht alles schaffen. Spül Dir heute nur ein paar Tassen, die du direkt greifen kannst. Während die im Spülwasser einweichen, räumst du den Teil des Schrankes auf, in den die Tassen hinein sollen. Danach ruckzuck spülen, einräumen und schon ist der Kaffee fertig und du kannst ihn aus einer frischen Tasse genießen. Das dauert keine zehn Minuten, jetzt, wo du die Spüle schon frei hast. Versuch es einfach mal!“ Zögernd räumte Frau S. ein paar Tassen in die Spüle und ließ Wasser darauf laufen. Und tatsächlich dauerte es nur ein paar Minuten, bis sie ein halbes Fach des Schrankes aufgeräumt, die Tassen gespült, abgetrocknet und hinein geräumt hatte. Um genau zu sein, es waren gerade mal sieben Minuten vergangen und sie konnte sich das erste Mal seit langer Zeit eine frische, saubere Tasse aus dem Schrank nehmen, um sich ihren Kaffee zu zapfen.

„Das ist ein gutes Gefühl,“ sagte sie zu ihrem neuen Schulterbewohner, dem Zeitschenkerchen. „Warum hat das beim Zeitfresserchen immer so aussichtslos ausgesehen?“

„Ich verrate Dir jetzt meinen Trick,“ antwortete das Zeitschenkerchen. „Stell Dir vor, du bekommst eine Kiste mit 30 Äpfeln geschenkt. Das Ziel ist, die Kiste muss leer werden, indem du alle Äpfel isst. Niemand schreibt Dir vor, wie schnell du das machst. Du sollst nur darauf achten, dass kein Apfel schlecht wird und weggeworfen werden muss und du darfst keinen verschenken. Wie gehst du vor?“ „Naja,“ sagte Frau S.: „ich muss halt die Äpfel gut lagern und dann kann ich jeden Tag einen essen. In einem Monat sind sie alle weg und keiner ist schlecht geworden.“ „Tja,“ antwortete das Zeitschenkerchen, „das ist auch schon der ganze Trick. Niemand schreibt Dir vor, was und wieviel du im Haushalt tun musst. Du allein entscheidest, wieviel du grade tun kannst. Und das können immer Dinge sein, die du mal so eben im Vorbeigehen erledigt. Keine riesigen Aufräumaktionen, die zu einem perfekten Ergebnis führen. Wenn du Dir das angewöhnst, hast du in ein paar Wochen oder Monaten alles im Griff. Schritt für Schritt. Und du verwendest nur die Zeit, die du früher mit Grübeln verbracht hast, auf keinen Fall mehr, eher sogar weniger.“ Und schmunzelnd fügte das Zeitschenkerchen noch an: „Hin und wieder kannst du, wenn du wirklich Lust darauf hast, dann auch mal zwei Äpfel essen. Aber das entscheidest ausschließlich du!“

Und so verlor das kleine böse Zeitfresserchen allmählich alle Macht über Frau S.