Minimalistisches Weihnachten

Minimalistisches Weihnachten? Geht das überhaupt? Ich würde sagen, es kommt darauf an, welche Erwartungen man an Weihnachten und an den Minimalismus hat. Dass Minimalismus kein Selbstzweck ist, habe ich schon mehrmals erwähnt. Es geht dabei nicht darum, wer die wenigsten Dinge hat oder wer das meiste Zeug entsorgt (verkaufen, verschenken, wegwerfen). Es geht vielmehr darum, für sich festzulegen, was man wirklich braucht und will.

Die Erwartungen an Weihnachten sind ähnlich wie die an Hochzeiten immer weiter gestiegen. Früher war das Standardessen zu Heilig Abend „Kartoffelsalat mit Würstchen“ und am ersten Feiertag gab es einen Braten mit Rotkohl oder einem anderen guten Wintergemüse. Heute erfahren wir schon beim Discounter, dass als Vorspeise ein Champagnersüppchen oder marinierte Pilze mit Tiefseescallops (was immer das ist) schon sein dürfen.

Die Dekorationen wird auch immer üppiger und heller, denn Dekoartikel werden in Billiglohnländern sehr günstig produziert und kosten kaum noch etwas. LED-Lichterketten verbrauchen kaum Strom, also kann man auch da klotzen.

Aber muss ein Weihnachtsbaum wirklich bis zur Decke reichen? Müssen jedes Jahr neue, modernere Kugeln und Sterne angebracht werden? Muss das Essen jedes Jahr wieder so reichhaltig sein, dass man es am Ende nur noch mit Mühe hineinstopfen kann? Mir bereitet es keinen Genuss, wenn ich von einem leckeren Essen so vollgestopft bin, dass mir übel wird. Ein angenehmes Sättigungsgefühl durch ein wohlschmeckendes Essen finde ich essenstechnisch den größten Erfolg.

Minimalistisch schenken

Den größten Posten auf der Rechnung machen aber vermutlich die Geschenke aus. Geschenke können erfreuen, zumüllen oder sogar verletzen. Wer schenken will, sollte sich also ganz genau überlegen, was er da tut.

Minimalistisch schenken heißt nicht, geizig zu sein. Es bedeutet nur, dass man sich Gedanken über die zu Beschenkenden macht. Man schaut darauf, ob sie etwas davon haben, was man ihnen unter den Baum legen will. Die Frage sollte immer sein: „Braucht der Beschenkte das oder will ich mich nur einer Geschenkpflicht entledigen?“

Fragen stellen als Technik des minimalistischen Schenkens

Wie bekomme ich raus, ob jemand etwas braucht? Ich frage ihn. Manche Dinge können so einfach sein. Fragt die Leute, die ihr beschenken wollt, was sie brauchen bzw. sich wünschen. Aber fragt nicht nur so ungefähr: Ein Pullover ist nicht dasselbe wie ein Pullover. Ein Spiegelschrank ist nicht dasselbe wie ein Spiegelschrank. Fragt also ganz genau nach, was sich derjenige wünscht und wenn er es nicht genau beschreiben kann, dann geht mit ihm zusammen zum Einkauf. Oder schenkt ihm das Geld mit einer netten Karte, damit er sich das Teil selbst holen kann. Von Gutscheinen halte ich in dem Zusammenhang nichts. Die Beschenkten sind dann oft an einen Laden und einen Zeitraum gebunden, in dem sie das Geld ausgeben müssen. So verfallen viele Gutscheine ungenutzt und bringen nur dem Laden einen Gewinn.

Als zu Beschenkender die richtigen Antworten geben

Wenn dich jemand fragt, was du dir wünschst, dann hilft es niemandem, wenn du sagst: „Ist egal, mach mal.“ 

Wenn du Nichts geschenkt bekommen willst, sag das deutlich. Und mit deutlich meine ich: Erkläre, warum du nichts willst. Du hast dich bereits entschieden, minimalistisch zu leben und nur noch Dinge zu haben, die du brauchst? Dann erkläre das sehr deutlich deinen potenziellen Schenkern. Rede über dein Konzept. Rede über deinen ausdrücklichen Wunsch, nichts zu bekommen. Sag deinen Leuten, dass genau das für dich das größte Geschenk ist. Erkläre ihnen auch, dass du nichts annehmen wirst, wenn sie doch Geschenke bringen. Das wird im ersten Anlauf nicht klappen, aber mit der Zeit – wenn du Ernst machst – wird es besser werden.

Wenn du etwas geschenkt bekommen willst, dann beschreibe es so genau, wie nur irgend möglich. Ein Buch? Sag den Titel, den Autor, eventuell sogar die ISBN-Nummer und ob als Taschenbuch oder Hardcover. Es soll ein Pullover sein? Dann definiere deine Vorstellung des Pullovers. Farbe, Schnitt, Größe, Material, Marke, Laden, in dem es den Pullover gibt. Wenn du schon einen konkreten Pullover im Auge hast, gib alle Details und von mir aus sogar ein Handyfoto an den Schenker, damit du dich dann wirklich freuen kannst und nicht nur ungefähr das richtige Geschenk bekommst.

Sich selbst ein finanzielles Limit setzen

Es gibt Leute, die haben nur eine oder zwei Personen zu beschenken. Die sind gut dran, denn sie bluten finanziell nicht jedes Mal vor Weihnachten aus. Denen aber, die 20 Leute beschenken, bleibt im Grunde nur die Hoffnung auf viele, viele Geldgeschenke von den anderen. Den anderen wird es sicher nicht anders gehen. Auch sie hoffen auf Geldgeschenke, um ihre Geschenkorgie finanzieren zu können. Da hilft bestimmt ein Gespräch über ein finanzielles Limit. Oder man überlegt, ob Geschenke überhaupt nötig sind. Heutzutage haben wir bereits alles, was wir brauchen. Es ist wirklich nicht notwendig, sich gegenseitig mit Dinge zu überschwemmen. Eine ganz gute Alternative wäre das Wichteln. Jeder beschenkt nur eine Person aus der großen Runde, so hat man nicht das Gefühl, niemanden beschenken zu können. Außerdem kann man sich dann viel genauer auf ein richtig gutes Geschenk für sein „Wichtelopfer“ konzentrieren.

Den Fokus vom Konsum auf die Einfachheit und den Spaß verlagern

Wer jedes Jahr versucht, das perfekte Weihnachten zu feiern, wird jedes Jahr in Stress baden. Aber wie schön kann ein Fest sein, für das man Tage, Wochen vielleicht zwei Monate geschuftet hat? Und wer dankt es einem am Ende? Die Familie hat mehr von uns, wenn wir es etwas lockerer angehen und nicht so sehr auf Perfektion schauen.

Ich entsinne mich noch an meine Kindheit. In der Nachbarschaft waren zwei Familien, die sehr auf Perfektion achteten. Und jedes Jahr war kurz vor Weihnachten die Luft dort sehr dünn, bis sie dann an Heiligabend brannte. Da wurde geschrien, geschlagen, mit Geschenken geworfen, Türen geknallt und mehr unperfektes Zeug. Uns taten die Kinder immer leid, die da in gestärkten Kleidchen und Anzüglein beschimpft und bestraft wurden, während wir in verschlissenen Schlafanzügen auf dem Boden rumkrochen und mit der Eisenbahn spielten. Die Würstchen durften – ohne Kartoffelsalat – manchmal auch als Passagiere mitfahren, bis sie der Bahnstreckenwärter dann doch noch verspeiste.

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