Minimalismus ist kein Selbstzweck

Wie viel Minimalismus ist realistisch?


„Mangel und Überfluss lassen uns im Grunde gleich unbefriedigt. Das Unbehagen, welches unsere Wünsche uns bereiten, ist ähnlich dem, welches ihrer Erfüllung folgt.“

(Michel de Montaigne, französischer Philosoph, 16. Jh.)

Das frage ich mich oft, wenn ich Dokus sehe oder Bücher zum Thema Minimalismus lese. Gerade erst lief die Komödie „100 Dinge“, die sich leider für meinen Geschmack ein bisschen zu sehr darin ergeht, politisch korrekt und unglaublich selbstkritisch zu tun. Der Film basiert auf dem Selbstversuch des Finnen Petri Luukkainen, der sich nackt in seine komplett leer geräumte Wohnung setzte und dann jeden Tag ein Teil seines in einem Lagerraum aufbewahrten Besitzes zurückholen durfte. Luukkainens Fragestellung hinter diesem Experiment war, was der Mensch unbedingt benötigt und worauf er auch gut verzichten kann.

Als Selbstversuch finde ich es nett, denn es tut ja keinem weh und man kann auch noch darüber ein Buch schreiben. Warum nicht? Zur Nachahmung ist es allerdings eher ungeeignet, wenn ich bedenke, dass man sonst zumindest am ersten Tag der Aktion nackt schwarzfahren müsste, um zur Arbeit zu kommen … Hm, und wie ist er von dem Lagerraum zurück nach Hause gekommen ohne jeglichen Besitz? Da müssen wohl Freunde geholfen haben. Aber das gilt eigentlich nicht, wenn man es ganz genau nehmen will, oder? 😉

Minimalismus ohne Realismus ist nutzlos

Für mich gehört zum Minimalismus in erster Linie eine große Portion Realismus. Was wir brauchen, wird nicht nur von der Menge des Besitzes bestimmt, sondern auch von der Umwelt und Zeit, in der wir leben. Natürlich brauche ich als Buschbewohnerin keine Pumps und kein Kostüm, als Städterin mit Bürojob schon eher. Dafür brauche ich als Bankangestellte weder Mantel noch Stiefel aus Eisbären- oder Robbenfell, in der Arktis wäre aber beides absolut kein Luxus. Tagelang für ein Experiment ohne Zahnbürste zu sein, fände ich schon sehr … unangenehm, je nach Raumtemperatur würde mir eine Decke auch sehr fehlen. Und so weiter uns so fort.

Minimalismus sollte sich am objetiven Bedarf und den individuellen Bedürfnissen orientieren

Wenn ich von Minimalismus rede, sehe ich zuerst auf den objektiven Bedarf. Ich persönlich benötige mindestens so viel Kleidung, dass ich nicht jeden Tag waschen muss, um immer sauber angezogen zu sein. Ich benötige so viel Besteck und Geschirr, dass ich die Menschen, die üblicherweise an meinem Tisch sitzen, problemlos und zeitgleich beköstigen kann. Natürlich ist es möglich, auf eine Waschmaschine zu verzichten und stattdessen im Waschsalon zu waschen, dann brauche ich dafür aber ein gewisses Zeitkontingent. Die Zeit, die ich dort für meine Wäsche brauche, kann ich an anderer Stelle nicht mehr verwenden. Da stellt sich mir die Frage, ob diese Zeit nicht auch eine Art  von Besitz ist, den ich hier „ausgebe“, damit ich an anderer Stelle Besitz „einspare“. Also stelle ich mir die Frage, welchen Gewinn mir dieser Tausch bringt.

Auch der individuelle Bedarf spielt eine wichtige Rolle. Mir persönlich geht zu viel Nippes schnell auf die Nerven, also kann ich hier jede Menge Zeug einsparen. Andere Menschen brauchen ausreichend Dekoration, um sich wohl zu fühlen. Und genau darum geht es, wenn man sich wohl in seinem Heim, in seiner Umgebung, in seiner Welt wohl fühlen möchte.

Es gibt keinen richtigen oder falschen Minimalismus

Ich selbst kann nur an einem wundervoll leeren Schreibtisch gut arbeiten, das ist also mein persönlicher Bedarf. Menschen, die auf ihrem Schreibtisch die komplette Familiengalerie, eine Topfpflanze und ein paar hübsche Teile Nippes brauchen, um so richtig produktiv zu sein, wären jedoch dumm, wenn sie alles wegräumen würden, nur um sich den Stempel Minimalist geben zu können. Es geht doch um den positiven Effekt und nicht um die Anzahl der Dinge, die auf dem Schreibtisch stehen.

Minimalismus sollte keine Challenge sein, denn in dem Moment, beginnt er schon sehr antiminimalistisch in eine Übertreibung abzurutschen. Jeder kann sein persönliches Maß an Minimalismus herausfinden, wenn er beim Entrümpeln auf seine Gefühle achtet. Bei mir funktioniert es gut, indem ich Schritt für Schritt immer nur das entrümpele, was ich in dem Moment schon gut entbehren kann. Wer zu schnell zu viel weggibt, fühlt sich ausgeraubt und fängt dann möglicherweise an, durch Neukäufe die Verluste wieder auszugleichen. Minimalis muss soll kein Verlustgefühl schaffen, er soll einen Gewinn an Freiheit generieren und das kann er nur, wenn er vorsichtig betrieben wird.

Mehr dazu findet sich in meinem Buch im Kapitel „Den Blick neu ausrichten“.

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