Minimalismus der Erwartungen

Wir erwarten täglich viel. Manchmal von uns selbst, was ich noch einigermaßen okay finde. Meistens aber von „den Umständen“ und „den Anderen“. Die Kinder stehen gerade an Weihnachten sehr im Fokus der elterlichen Erwartungen. Übers Jahr verteilt sind es aber auch der Arbeitgeber und die Kollegen, die gefälligst liefern sollen. Die Qualität einer Veranstaltung, an deren Vorbereitung wir mitgewirkt haben oder deren Nutznießer wir nur sind, beäugen wir viel zu oft viel zu kritisch. Und in zu vielen Fällen sind wir nicht zufrieden mit den Ergebnissen. Diese Unzufriedenheit macht uns wiederum ärgerlich oder sogar unglücklich.

Die beste Party meines Lebens

Vor ein paar Jahren war ich zu einer Party eingeladen. Da ich aber niemanden dort kannte und eigentlich auch müde war, hatte ich keine Lust. Eigentlich müsste ich ja, aber dann diese Unlust, ein ständiges Hin und Her über Stunden. Aber vor lauter Überlegungen, ob ich nun gehe oder nicht, hatte ich völlig vergessen, Erwartungen an diese Party zu knüpfen. Es war mir schlicht egal, wie sie werden würde, weil ich eh nicht hinwollte. Am Ende entschloss ich mich aber doch hinzugehen. Mein Gesicht war vielleicht ein bisschen müde und lang, aber die Nacht würde ich schon durchstehen.

Und dann kam die Überraschung: Ich hatte nichts erwartet. Es gab für mich nichts zu kritisieren, weil natürlich alles besser war als nichts. Mit der Zeit fand ich mich in den „Rhythmus“ der Party ein und hatte einen unvergleichlich schönen Abend. Ich lernte wahnsinnig nette Leute kennen und wir feierten, was das Zeug hielt.  

Ist es euch auch schonmal aufgefallen, dass Dinge, an die man keine hohen Erwartungen knüpft, oft die schönsten werden?

Wann ist ein Weihnachtsabend perfekt?

Darauf habe ich eine ganz knappe Antwort: Wenn er auf Perfektion verzichtet und allen Teilnehmern Spaß macht.

Ein perfekter Weihnachtsabend sollte nicht von einer Person oder „den Erwachsenen“ alleine definiert werden. Jeder Teilnehmer hat ein Anrecht auf sein eigenes Stückchen Definition. Und die sieht nicht für jeden so aus, dass man stundenlang um den Tisch sitzt und olle Kamellen durchkaut. Ja, es war megalustig damals bei Tante Trude, als der Puter im Ofen explodierte. Aber nach dem fünfzehnten Mal Hören, kann sich der Sechzehnjährige durchaus vorstellen, dass er jetzt viel mehr Spaß mit der neuen Playstation in seinem Zimmer hätte. Ein sechzehntes Mal die Story zu hören, bei der er nun mal nicht dabei war, wird ihm keinen perfekten Abend bescheren. Übrigens: Das Lustige an dem Erlebnis mit dem Puter war gerade die Nicht-Perfektion! Wäre damals alles glatt gelaufen, würde heute niemand mehr von dem Abend sprechen und sich schieflachen.

Derjenige, der über Stunden ein perfektes Mahl zubereitet hat, wird es sicher schön finden, wenn die anderen das Essen wenigstens für eine halbe Stunde zu würdigen wissen, ohne permanent aufs Handy zu schauen oder nebenher zu daddeln. Auch der unruhigste Halbwüchsige wird sich auf einen konkret definierten Deal einlassen: Wenn du eine halbe Stunde gemütlich mit uns am Tisch sitzt und isst, tolerieren wir es den übrigen Abend gern, wenn du dich mit deinen neuen Sachen zurückziehst. Schön wäre es, wenn du ab und zu mal für fünf Minuten reinschaust und uns deinen aktuellen Level mitteilst. 😉

Perfektion ist öde und sinnlos

Wenn jemand den Anspruch an ein perfektes Weihnachten hat und seine Erwartungen sowohl eine perfekte Deko als auch ein perfektes Essen und perfekte Kinder umfassen, wird er schnell enttäuscht sein. Wer aber seine Ansprüche relativiert, kann viel Spaß haben und der ist viel wertvoller, als jede Perfektion.

Wenn ihr also das Gefühl habt, dass Weihnachten zu anstrengend (geworden) ist und oft zu Stress und Steit führt, dann versucht, eure Ansprüche an euch selbst und an eure Familien runterzufahren. Versucht ein Menü mit Gnocchi und Soße. Redet mit euren Lieben darüber, ob sie sich Weihnachten auch ohne Geschenke vorstellen könnten. Plant das, was ihr tatsächlich umsetzen wollt – ob sehr einfach oder doch ein bisschen anspruchsvoller – langfristig und teilt euch die Arbeit dafür mit allen gleichmäßig auf. Und wenn etwas nicht klappt, dann ist das eben so.

Solltet ihr zum Beispiel die Fleischbestellung vergessen haben, ist das kein Grund zum Weinen. Wir werden nicht gleich den Hungertod sterben, wenn wir einmal nur Beilagen bekommen. Dann freut euch einfach, dass ihr in diesem Jahr durch einen glücklichen Zufall das Geld fürs Fleisch eingespart habt.

Hat derjenige, der für die Weihnachtskarten zuständig war, vergessen, sie abzusenden, dann schreibt er halt noch rasch an Weihnachten eine liebe E-Mail oder SMS an jeden, den er eigentlich mit Karten beglücken wollte und sorgt im nächsten Jahr für eine bessere Organisation seiner Aufgaben.

Vermeidet zu hohe Erwartungen an das Ergebnis von Vorbereitungen, denn es ist nicht möglich und nicht wünschenswert, immer 100 % zu erreichen. Das geht nur in Filmen und die brauchen manchmal 20 oder 30 Takes, bevor sie die eine perfekte Szene im Kasten haben, bei der wir Zuschauer dann vor Rührung Pippi in den Augen haben. Das ist nicht real und im echten Leben nicht zu schaffen. Also begnügt euch mit unperfekten Ergebnissen, versucht es mal stressfrei und lacht darüber, wenn ihr unter 0 % angekommen seid. 😉

Euch allen Frohe Weihnachten und glückliche Feiertage!

Eure Olga

Hier noch ein kleiner, besinnlicher Text zum Fest:

 

Neu hier? –> Klick hier oder auf das Bild!