Mia will entrümpeln

Vor dem Entrümpeln

Heute möche ich euch die Geschichte einer Frau erzählen, die mich beeindruckt hat. Sie hat mir erlaubt, ihre Geschichte zu erzählen, weil sie damit auch anderen Mut machen will. Ich nenne sie hier Mia, sie war damals 59 Jahre alt.

Vor einigen Jahren war ich bei Mia zu Hause. Sie hatte 19 – in Worten neunzehn – Umzugskartons voller Putzmittel, Waschmittel, Duschgels und Shampoo. Alles im Sonderangebot gekauft. Wer sich Sonderangebote genauer ansieht, weiß, dass Preisnachlässe oft von Mondpreisen aus berechnet werden.  Die sogenannten Schnäppchenpreise sind meist genau so hoch wie die üblichen. Manchmal liegen sie sogar noch darüber.

Sowohl bei Wasch- und Putzmitteln, als auch bei Duschgel und Shampoo kann man davon ausgehen, dass sie lange, aber nicht ewig halten. Außerdem unterliegen auch diese Dinge gewissen modischen Strömungen. Wie lange will jemand Produkte mit dem Slogan „An meine Haut lasse ich nur …“ an seine Haut lassen? Als ich sie kennenlernte, benutzte Mia den alten Kram schon längst nicht mehr. In ihrem Bad standen bereits moderne Produkte, aber auch davon viel zu viel.

Vorräte, Vorräte, Vorräte

Nach den 19 Kisten Reinigungsmitteln kam eine weitere Überraschung: Zwei Meter Kleiderschrank von ungefähr 2,50 Metern Höhe waren gepresst vollgestopft mit Handtüchern, die noch nie benutzt worden waren. Im Bad hingen leider nur abgenutzte Frotteeleichen, die ihre besten Tage wohl in den 1970ern hatten. Die verblassten Muster in orange, oliv und braun legten darüber beredt Zeugnis ab.

Mit der Bettwäsche ging es in der selben Art weiter: Sie war unter den Betten bis stramm an die Lattenroste gestapelt. Die Matratzen senkten  sich keinen Millimeter, wenn man versuchte, sie herunterzudrücken.

Ein leicht muffiger Geruch aus den seit Jahren schlecht belüfteten Matratzen war eine gute Entscheidungshilfe für deren sofortige Entsorgung inklusive der Bettwäschevorräte darunter. Die aktuell genutzte Wäsche lag einschließlich weiterer Berge ungenutzter Laken und Bezüge in einem Kleiderschrank. Sie alleine hätten schon mehrere siebenköpfige Familien ausreichend versorgen können.

In den anderen Zimmern ging es ähnlich weiter. Mia besaß Geschirr für eine ganze Jugendherberge und so viele Plastikdosen, dass man mit ihnen einen Laden hätte aufmachen können.

Glaubenssätze

Was war passiert, dass sie so die Kontrolle über ihre Habe verloren hatte? Sie war ein paar Glaubens- oder Angstsätzen zum Opfer gefallen. Wie oft hörten wir nicht mehr ganz so jungen Menschen in unserem Leben: Das tut man nicht! Man muss doch vorsorgen! Gute Sachen kann man doch nicht wegwerfen! Man muss immer Vorrat im Haus habe! Was ist, wenn man mal kein Geld mehr hat? Was, wenn deine Rente so niedrig ist, dass du dir kein Shampoo mehr leisten kannst?

Diese Glaubens- oder Angstsätze sind nicht real, sie finden nur noch in unseren Köpfen statt. Sie werden in unserer Altergruppe aber immer noch gesagt und geglaubt. In der Erziehung war es in unserer Jugend doch viel einfacher, einem Kind zu sagen: „Das tut man oder das tut man nicht.“, weil dann die Botschaft für das Kind aus einer nicht angreifbaren höheren Ebene  zu kommen schien.  Die Eltern selbst traten dabei nur als die Boten für eine vermutete höhere Macht auf. Wie sollte ein Kind sich rechtfertigen, wenn da eine unerreichbare Instanz festgelegt hatte, was sich gehörte und was nicht?

Im Laufe der Erziehung haben wir Älteren verinnerlicht – die einen mehr, die anderen weniger – dass man bestimmte Dinge tun oder lassen muss. Hinterfragen  hatte keinen Sinn, weil die Instanz, die das festgelegt hatte, unbekannt aber mächtig war. Wenn sie nicht mächtig gewesen wäre, hätten die Eltern ja nicht so viel Energie darauf verwendet, uns diese Regeln beizubringen.

Für die heutige Generation ist das nicht mehr das Problem. Das Besitzthema hat sich im Lauf der letzten 60 – 70 Jahre komplett verschoben, bringt aber ein ähnliches Ergebnis hervor. Wenn es früher um Vorratshaltung und Glaubenssätze ging, was man zu tun oder zu lassen hatte, geht es heute darum, sich über seinen Besitz zu definieren. Wer nicht die neuesten Klamotten und Produkte hat, ist draußen. Aber das ist ein anderes Theme.

Endlich wieder Luft zum Atmen

Um wieder auf Mias Wohnung zurückzukommen: Nachdem sie sich ein Herz gefasst und ihre Vorräte auf ein vernünftiges und trotzdem für sie akzeptables Maß zurückgeschraubt hatte, ging es ihr viel besser. Sie fühlte sich geradezu befreit. Sie entrümpelte zwei komplette Zimmer inklusive der Schränke, die nach dem Entsorgen der überflüssigen Dinge sowieso leer standen. Hut ab, vor dieser Leistung! Nach getaner Arbeit ließ sie genussvoll ihr eigenes Echo in den leeren Räume widerhallen. Es war großartig zu beobachten, wie sich ein Mensch daran berauschen kann, endlich wieder Luft zum Atmen zu haben.

Nachdem sie so gründlich entrümpelt hatte, zog Mia in eine kleinere Wohnung. Seither sind ihre monatlichen Kosten für Miete, Strom und Heizung deutlich niedriger und ihre Sorgen, im Alter zu wenig Geld für den täglichen Bedarf zu haben, hat sie entspannt hinter sich gelassen.

Kommunikation findet nur da statt, wo man sie auch betreibt

Die überteuerten Verträge für Festnetz und Handy, mit denen Mia wirklich alles gekonnt hätte, wenn sie denn auch nur irgendein internetfähiges Gerät gehabt hätte, kündigte sie. Heute hat sie einen günstigen Handyvertrag, der genau das kann, was sie braucht: Sie kann in alle Fest- und Handynetze telefonieren, so viel sie will und es kostet sie statt damals 58 Euro nur noch 8 Euro pro Monat.

Entrümpeln braucht Zeit – vor allem mental

Mia hat diesen Kraftakt natürlich nicht in zwei Wochen geschafft. Sie hat einige Monate mit „Jeden Tag ein Teil“ verbracht, bis sie dann in den absoluten Entrümpelungsrausch kam. Durch das Tun im Kleinen und die tägliche Wiederholung hat sie sich selbst so weit gebracht, am Schluss den größten Teil tatsächlich in ein paar Wochen durchzuziehen. Vor ihrer Leistung habe ich großen Respekt.

Liebe Grüße

Eure Olga

Neu hier? –> Klick!

Foto: (c) stevepb Pixabay.com

Facebooktwitterpinterestby feather