Lob braucht einen Gegenwert

Lob ohne Gegenwert ist sinnlos

„Haben Sie Ihr Kind heute schon gelobt?“ So hieß es in den 1980er Jahren auf einem Aufkleber, den man damals fast an jedem Kühlschrank oder Auto finden konnte. Natürlich vorausgesetzt, dass der Kühlschrank oder das Auto jungen Eltern gehörte. Es war eine wahre Lobinflation damals, weil man glaubte, dass jedes Lob eine Motivation für das Kind sei. Jedes flüchtig hingekritzelte Bild, jedes dreckige Stöckchen, das das Kind seinen Eltern „schenkte“, ließ selbige in Lobeshymnen ausbrechen. Und die Kinder wussten nicht mehr, wie ihnen geschah, denn auch ein Kind weiß, ob es etwas geleistet hat oder nicht. Kinder sind naturgemäß nicht blöde.

Inzwischen ist die Idee des prophylaktischen Lobens zum Glück weitgehend Geschichte. Man hat erkannt, dass Lob nur dann einen Sinn hat, wenn es auf beiden Seiten einen Gegenwert dazu gibt. Der Gelobte sollte tatsächlich eine bemerkenswerte Leistung erbracht haben und der Lobende sollte bereit sein, seiner Anerkennung Taten folgen zu lassen. Damit meine ich nicht unbedingt eine Bezahlung, sondern, dass die Mutter das Bild, das sie so lobt, auch tatsächlich rahmt und im Wohnzimmer an die Wand hängt. Oder dass die ältere Schwester, die den Bruder fürs Aufräumen gelobt hat, bereit ist, beim nächsten Mal das Zimmer selbst in Ordnung zu bringen. 

Achtung: Lob enthält immer auch eine Wertung

Ordnung, Lob, Manipulation, Haushalt, KollegenLob ist nicht ganz unproblematisch. Manipulation, Lob, ordnung, OrdentlichStellt euch vor, ihr werdet für eine Arbeit im Haushalt oder auf der Arbeit gelobt. Habt ihr tatsächlich eine so bemerkenswerte Leistung erbracht, oder ist der andere nur froh, dass er jetzt nichts mehr tun muss? Was berechtigt den Lobenden, ein Urteil über eure Tätigkeit abzugeben? Ist er derjenige, der über Wert oder Nichtwert einer Sache zu urteilen berechtigt ist? Und müsst ihr jetzt dankbar sein, dass jemand euer Tun goutiert? Wenn es Vorgesetzte sind, okay. Wer euch bezahlt, darf auch eure Arbeit bewerten.

Bei Gleichgestellten sehe ich das aber anders. Sie dürfen sich natürlich freuen, wenn ihr mal wieder die Bude geputzt oder die elende Bilanz fertig gestellt habt. Sie dürfen das auch sagen: „Juchhuu, wie schön, jetzt muss ich es nicht mehr tun!“ oder „Klasse, dass du das schon erledigt hast!“ Aber bewerten? „Wie toll du das immer machst! Ich bin jedes Mal ganz hin und weg, wie gut du das kannst. Ehrlich!“ Wirklich? Das soll ein Lob sein? Nein, das ist es wohl eher nicht. Es ist eine Methode, die so Gelobten still und klein zu halten. Sie sollen dankbar für das Lob sein und auch weiter brav für die anderen die Arbeit tun. Solches Lob stellt den Lobenden automatisch über den Gelobten. Der Lobende nimmt sich die Deutungshoheit über die Qualität anderer Leute Arbeit. Das ist kein ehrliches Lob, es ist eine freundlich verbrämte Hierarchisierung der Beziehung zueinander.

Bitte keine Machtspiele

Macht, Manipulation, OrdnungEmanzipiert euch von leerem Lob. Verlangt einen echten Gegenwert für eure Arbeit, wenn sie jemandem so „lobenswert“ erscheint. Ein Chef könnte einen zusätzlichen Urlaubstag oder einen Bonus springen lassen, statt nur zu tönen. Wenn das Lob außerordentlich groß ist, wäre auch eine Gehaltserhöhung ein guter Gegenwert. Für einen gleichgestellten Kollegen, der sich sein übergroßes Lob nicht verkneifen kann, wäre eine Einladung in ein exklusives Restaurant oder  zur nächsten Champions League (bezahlt aus seiner eigenen Tasche) ein gutes Mittel, um sein Lob als echt und ehrlich zu untermauern. Wenn es ihm aber nicht mehr als leere Worte wert ist, würde ich dem Lob misstrauen und dem Kollegen die gewünschte Dankbarkeit versagen.

Loben wir selbst bitte auch nicht sinnlos herum. Und es ist sinnlos, solange kein Gegenwert da ist. Freuen wir uns einfach, wenn mal wieder jemand anderes den ungeliebten oder anstrengenden Job erledigt hat. Das ist ehrlich und setzt niemanden herab.

Lesetipp: „Pauschales Dauerloben ist eine Form der Vernachlässigung durch Verwöhnen“, sagt Peter Henningsen, Chefarzt für Psychosomatik an der Technischen Universität München. Quelle: Süddeutsche.de

Neu hier? –> Klick!

Facebooktwitterpinterestby feather