Olga Ordentlich

Hygiene

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Hygiene ist ein Thema, dass mich sehr interessiert. Es hat mit unserem täglichen Leben zu tun und geht unsere Gesundheit an. Der Text ist lang, aber ich würde mich freuen, wenn Sie Ihn trotzdem lesen wollen.

Ihre / Eure Olga Ordentlich

Unser Hygieneverständnis

Unser Hygieneverständnis wird inzwischen sehr von der Industrie geprägt. In der Werbung bekommen wir gesagt, was sauber und was rein ist, was hygienisch und gut oder unhygienisch und schlecht ist. Aber wir müssen uns alle vor Augen halten, dass das keine wertfreien wissenschaftlichen Informationen sind. Das sind Kaufmanipulationen, die mit der Angst des Konsumenten arbeiten:

„Wenn Du nicht diesen „No-touch-Seifenspender“ kaufst, wirst Du Dir schlimme Krankheitskeime einfangen, die Dich und Deine Familie krank machen werden!!“

„Wenn Du nicht diese desinfizierende Seife verwendest, wird Deine Familie krank werden!!“

„Wenn Du nicht diese desinfizierende Mundspüllösung nimmst, wirst Du aus dem Hals stinken und einsam werden!!“

Keine Angst vor Panikmache

Diese Drohungen haben aber zum Glück mit der Realität nichts zu tun! Meinen Seifenspender im Bad wische ich beim Putzen genauso ab, wie die Armaturen. Warum sollte er schmutziger und gefährlicher als ein Wasserhahn für mich sein?

Desinfizierende Seifen können nicht mehr Keime von der Haut waschen, als nicht desinfizierende Seifen, also wozu den höheren Preis bezahlen? Alle zusätzlichen Keime auf unserer Haut (siehe unten) brauchen wir zum Schutz, also ist es Unsinn, sie zu bekämpfen.

Desinfizierende Mundspüllösungen sind schädlich für den gesunden Menschen, und wenn eine tatsächliche Infektion vorliegt, sollte man sowieso eine medizinische Mundspüllösung nehmen, da sie ein kontrolliertes Wirkspektrum hat.

Bitte benutzen Sie keine Desinfektionsmittel, wenn sie nicht vom Arzt verordnet sind!

Desinfektionsmittel im Alltag und ohne zwingenden Grund sollte jeder meiden!! Durch ihren unkontrollierten Einsatz in normalen Haushalten werden die Keime immer resistenter, das heißt, sie gewöhnen sich an die Mittel und können bald gar nicht mehr bekämpft werden, weder zu Hause noch im Krankenhaus.

Im Krankenhaus ist der Einsatz von Desinfektionsmitteln sinnvoll, weil sich dort ja auch vermehrt kranke und infizierte Menschen befinden. Zu Hause sind in der Regel alle Menschen gesund oder sie haben nur eine simple Erkältung, vor der sich alle anderen Bewohner des Hauses schon alleine durch regelmäßiges Händewaschen schützen können.

Resistenzentwicklung durch falschen Desinfektionsmittel- und Antibiotika-Gebrauch

Durch übertriebene Hygienemaßnahmen sind inzwischen viele Krankheitserreger resistent, also unempfindlich gegen Desinfektionsmittel oder Antibiotika. Und je größer die Probleme mit diesen resistenten Keimen werden, desto mehr nutzt die Industrie unsere Ängste für ihre Geschäfte und stellt immer mehr Produkte mit Desinfektionsmitteln her. Putzmittel, Spülmittel, Mundspüllösungen, Zahncremes, Seifen werden damit „angereichert“. Und für Küche und Bad gibt es sowieso schon lange reine Desinfektionsmittel, die nur noch aufgesprüht werden müssen.

Haushaltsdesinfektionsspray:

Um die Apothekenpflicht zu umgehen, enthalten diese Haushaltsprodukte nur geringe Mengen wirksamer Stoffe. So kann man sie in jedem Laden kaufen. Aber durch die geringe Wirkstoffkonzentration wirken die Mittel nicht so, wie man sich das einbildet. Ein minimal dosiertes Desinfektionsmittel hat eine Einwirkzeit von mindestens zwei Stunden. Wenn man aber mit einem handelsüblichen Haushaltsdesinfektionsmittel die Arbeitsplatte der Küche besprüht, kann man sicher sein, dass der Sprühnebel nach höchstens 10 Minuten verdunstet ist und also nicht mehr einwirken kann. In dem Fall hat man nur die vorhandenen Bakterien leicht benebelt, die gewöhnen sich an den Wirkstoff und mutieren zu Formen, denen der Wirkstoff nichts mehr ausmacht. Wenn der Mensch nun eine Infektion mit diesen mutierten Krankheitserreger bekommt, wirken auch hoch dosierte Desinfektionsmittel nicht mehr.

Um eine tatsächliche Desinfektion zu erreichen, müsste man einen ausreichend großen Behälter mit dem unverdünnten Haushaltsdesinfektionsmittel füllen, die Arbeitsplatte oder was immer man desinfizieren möchte, abmontieren und mindestens für zwei Stunden so in die Lösung legen, dass der Gegenstand vollständig bedeckt ist. Anschließend kann man dann die Arbeitsplatte wieder montieren. Keine wirklich sinnvolle Idee, wenn man bedenkt, dass es aus mikrobiologischer Sicht völlig unnötig ist, im normalen Haushalt alles zu desinfizieren.

Desinfizierende Seifen:

Bei Seifen hat die Stiftung Warentest untersucht, ob Produkte mit oder ohne desinfizierende Zusätze mehr Bakterien beseitigen. Das Ergebnis war, dass alle Seifen gleich gut sind, es kommt nur auf eine ordentliche Waschtechnik an. Insbesondere die Seife von Sagrotan hat im Test versagt, sie konnte als einzige ihre Versprechen nicht halten. (Siehe „Sagrotan fällt durch: Antibakteriell ist nicht besser. Beim Test von Handseifen säubern alle Produkte die Hände gründlich und beseitigen Gerüche. Eine Seife hält aber nicht, was sie verspricht.“  im Tagesspiegel vom 21.01.2011)

Desinfizierende Spülmittel:

Besonders unwirksam sind Spülmittel mit Desinfektionsmittel, weil sie im Spülwasser stark verdünnt werden und Fett sowieso die desinfizierende Wirkung stört. Statt dessen sollte man besser  Spüllappen oder –schwämme nach jedem Gebrauch wechseln und die gebrauchten bei mindestens 60 °C mit Vollwaschmittel waschen. Denn in ihnen sammeln sich die organischen Stoffe aus dem Essen, die dann im trocknenden Spüllappen oder -schwamm einen hervorragenden Nährboden für Bakterien bieten. Statt dessen wird uns aber immerzu gesagt, dass wir alles bei 30 °C waschen sollenn – der Umwelt zuliebe. Weniger der Umwelt zuliebe sind dann wieder die desinfizierenden Waschmittel, die jetzt vermehrt auf den Markt kommen, weil eben die Keime bei den niedrigen Temperaturen nicht abgetötet werden.

Desinfizierende Zahncremes und Mundspüllösungen:

Die Nutzung dieser Produkte ist nicht nur sinnlos, sondern sogar schädlich, wenn man keine Infektion im Mund hat. Wenn man nur vorsichtshalber (prophylaktisch) desinfiziert, hat das Desinfektionsmittel keinen echten Feind, tötet also die Keime ab, die jeder gesunde Mensch im Mund hat und auch braucht. Diese Keime haben eine wichtige Aufgabe:  Sie müssen den Platz besetzt halten, falls krankmachende Keime vorbeikommen. Die können dann nicht den Menschen befallen, da die „Platzhalterkeime“ sie nicht auf die Schleimhaut lassen: „Du kommst hier net rein!“ Wenn man also seine „Platzhalterkeime“ – die sogenannte Mundflora – tötet, öffnet man damit einer Infektion Tür und Tor, weil niemand aufpasst, dass keine pathogenen (krankmachenden) Keime eindringen können.

Antibiotika:

Jeder hat schon mal von den sogenannten „Killerbakterien“ gehört,  MRSA = Methicillinresistente Staphylokokkus Aureus. Das sind Keime, die praktisch gegen jedes Antibiotikum resistent (unempfindlich) sind. Die Ursache ist der zu häufige und/oder inkonsequente Gebrauch von Antibiotika.

Oft verlangen Patienten vom Arzt ein Antibiotikum, obwohl sie nur einen Schnupfen oder eine Erkältung haben, die in den meisten Fällen von Viren hervorgerufen werden. Gerade, wenn eine Erkältung ganz plötzlich auftritt und das Fieber sehr schnell steigt, kann man fast sicher von einer Virusinfektion ausgehen. Viren aber können nicht mit Antibiotika bekämpft werden, und das brauchen sie auch nicht. Wenn der Erkrankte sich einfach die Zeit nimmt, sich für ein paar Tage ins Bett zu legen und zu pflegen, wenn nötig fiebersenkende Mittel zu nehmen und viel zu trinken, dann verschwindet die Erkältung innerhalb einer Woche ganz von alleine. Mit Antibiotikum dauert es die selbe Zeit, aber nicht wegen sondern trotz des Antibiotikums. Da das Medikament aber keinen „echten“ Gegner hat, vernichtet es auch die gesunden „Platzhalterkeime“ des Körpers, insbesondere im Darm und macht den Körper somit anfällig für krankmachende Bakterien.

Der Arzt verschreibt leider trotzdem oft ein Antibiotikum, weil er keine Lust hat, zum tausendsten Mal zu erklären, dass es nichts bringt. Für ihn ist es einfach unwirtschaftlich, sich mit Patienten auf Diskussionen einzulassen. Ein Rezept kann er im Bruchteil der Zeit ausstellen.

In Fällen, in denen tatsächlich Bakterien den Menschen krank machen, sind Antibiotika und Desinfektionsmittel natürlich ein Segen! Wer hat das noch nicht erlebt: Der Hals ist dick geschwollen, die Mandeln voller Eiterpünktchen (ein deutliches Zeichen für eine bakterielle Infektion) und hohes Fieber. Der Arzt verschreibt ein Antibiotikum und schon nach einer einzigen Tablette verspürt man eine leichte Linderung. Das Fieber beginnt zu sinken, das Krankheitsgefühl nimmt ab, der Hals fühlt sich nicht mehr gar so schlimm an. Nach der zweiten Tablette ist das Fieber manchmal schon fast weg und wahrscheinlich bei der dritten fängt man schon an zu überlegen, ob es denn wirklich nötig ist, die dicken, fiesen Tabletten bis zum Schluss durchzunehmen.

So landen viele Packungen mit Antibiotika angebrochen im Müll oder in der hintersten Ecke des Medizinschranks. Die Krankheitserreger sind zu dem Zeitpunkt aber noch nicht alle erledigt. Die verbleibenden Bakterien können nun, nach Absetzen des Medikaments, die Krankheit neu aufflammen lassen. Oder aber sie verändern ihre Struktur, um so unempfindlich gegen das Antibiotikum zu werden, und schlagen später in neuer Formation an anderer Stelle wieder zu. Aber dann hilft uns das Antibiotikum leider nicht mehr!

Deshalb ein paar dringende Bitten um Resistenzen (Unempfindlichkeiten) bei Krankheitserregern zu vermeiden:

Benutzen Sie Desinfektionsmittel bitte nur dann, wenn jemand aus der Familie eine übertragbare Krankheit hat und es deshalb empfohlen ist. Und dann nehmen Sie bitte ein Mittel aus der Apotheke, dass Sie streng nach Gebrauchsanweisung anwenden.

Zu hoch dosierte Desinfektionsmittel schädigen die Gesundheit des Menschen und die Oberflächen, die man damit behandelt. Zu gering dosierte Desinfektionsmittel machen die Krankheitserreger immun gegen das Mittel. Deshalb immer die Gebrauchsanleitung beachten.

Haushaltsdesinfektionsmittel nutzen im Krankheitsfall nichts, weil sie zu niedrig dosiert sind. Wenn keine ansteckende Krankheit vorliegt, sind sie  überflüssig und wenn eine Krankheit vorliegt, sind sie zu schwach, das heißt nutzlos.

Bei der nächsten Erkältung fragen Sie Ihren Arzt einfach mal danach, ob er Bakterien oder Viren dahinter vermutet. Wenn er Viren sagt, sollten Sie wirklich nicht auf einem Antibiotikum bestehen, denn es nutzt ja gar nichts. Wenn er Bakterien sagt und ein Antibiotikum verordnet, ist es sehr, sehr wichtig, dass Sie das Medikament wie verordnet durch nehmen, egal, wie gut Sie sich bereits nach zwei oder drei Tabletten fühlen und wie fies die Dinger schmecken.

Nur durch unser aktives Verhalten können wir die Situation beeinflussen. Wenn wir weiter machen wie bisher, stehen wir den Krankheitserregern bald schwächer gegenüber als die Menschen im Mittelalter.