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Hygiene

Unser Hygieneverständnis

Unser Hygieneverständnis wird inzwischen sehr von der Industrie geprägt. In der Werbung sagt man uns, was sauber und was rein ist, was hygienisch und gut oder unhygienisch und schlecht ist. Führen wir uns aber mal vor Augen, dass dies keine wertfreien wissenschaftlichen Informationen sind, erkennen wir, dass wir es hier mit Kaufmanipulationen zu tun haben, die mit der Angst des Konsumenten arbeiten:

„Wenn Du nicht diesen „No-touch-Seifenspender“ kaufst, wirst Du Dir schlimme Krankheitskeime einfangen, die Dich und Deine Familie gefährden!!“

„Wenn Du nicht diese desinfizierende Seife verwendest, wird Deine Familie krank!!“

„Wenn Du nicht diese desinfizierende Mundspüllösung nimmst, wirst Du aus dem Hals stinken und vereinsamen!!“

Solche Drohungen haben zum Glück mit der Realität nichts zu tun! Meinen Seifenspender im Bad wische ich genauso ab, wie die Armaturen, wie sollte er also schmutziger und gefährlicher als ein Wasserhahn sein?

Desinfizierende Seifen können nicht mehr Keime von der Haut waschen, als nicht desinfizierende, weil es vor allem auf die richtige Waschtechnik ankommt und nicht auf desinfizierende Inhaltsstoffe. Die normale Keimbesiedelung auf unserer Haut (siehe unten) brauchen wir sogar zu unserem Schutz, also will ich sie gar nicht bekämpfen.

Desinfizierende Mundspüllösungen sind schädlich für den gesunden Menschen, und wenn eine tatsächliche Infektion vorliegt, sollte man sowieso eine medizinische Mundspüllösung nehmen, da sie ein kontrolliertes Wirkspektrum hat.

Bitte benutzt keine Desinfektionsmittel, wenn sie nicht vom Arzt ausdrücklich verordnet sind!

Desinfektionsmittel im Alltag und ohne zwingenden Grund sollten wir möglichst meiden!! Durch ihren unkontrollierten Einsatz in normalen Haushalten werden die Keime immer resistenter, das heißt, sie gewöhnen sich an die Mittel und können bald gar nicht mehr bekämpft werden, weder zu Hause noch im Krankenhaus.

Im Krankenhaus und in der ambulanten Pflege ist der Einsatz von Desinfektionsmitteln sinnvoll, weil sich dort ja auch vermehrt kranke und infizierte Menschen befinden. Zu Hause sind in der Regel alle Menschen gesund oder sie haben nur eine simple Erkältung, vor der sich alle anderen Bewohner des Hauses schon alleine durch regelmäßiges Händewaschen schützen können. Ambulantes Pflegepersonal hingegen kommt in viele verschiedene Wohnungen und zu Menschen mit den unterschiedlichsten Krankheiten oder Anfälligkeiten, deshalb ist für sie eine gute Hygiene wichtig und in der medizinischen Behandlung von Patienten die Anwendung von vorgeschriebenen Desinfektionsmitteln Standard.

Resistenzentwicklung durch falschen Desinfektionsmittel- und Antibiotika-Gebrauch

Durch übertriebene Hygienemaßnahmen vor allem in Haushalten sind inzwischen viele Krankheitserreger resistent. Je größer die Probleme mit diesen resistenten Keimen werden, desto mehr nutzt die Industrie unsere Ängste für ihre Geschäfte aus und stellt immer mehr Produkte mit Desinfektionsmitteln her. Putzmittel, Spülmittel, Mundspüllösungen, Zahncremes, Seifen werden damit „angereichert“. Für Küche und Bad gibt es sowieso schon lange reine Desinfektionsmittel, die nur noch aufgesprüht werden müssen.

Haushaltsdesinfektionsspray:

Um die Apothekenpflicht zu umgehen, enthalten diese Haushaltsprodukte nur geringe Mengen wirksamer Stoffe. So kann man sie in jedem Laden kaufen. Aber durch die geringe Wirkstoffkonzentration wirken die Mittel nicht so, wie man sich das einbildet. Ein minimal dosiertes Desinfektionsmittel hat eine Einwirkzeit von mindestens zwei Stunden. Wenn man aber mit einem handelsüblichen Haushaltsdesinfektionsmittel die Arbeitsplatte der Küche besprüht, kann man sicher sein, dass der Sprühnebel nach höchstens 10 Minuten verdunstet ist und also nicht mehr einwirken kann. In dem Fall hat man nur die vorhandenen Bakterien leicht benebelt, die gewöhnen sich an den Wirkstoff und mutieren zu Formen, denen der Wirkstoff nichts mehr ausmacht. Wenn der Mensch nun eine Infektion mit diesen mutierten Krankheitserreger bekommt, wirken auch hoch dosierte Desinfektionsmittel nicht mehr.

Um eine tatsächliche Desinfektion zu erreichen, müsste man einen ausreichend großen Behälter mit dem unverdünnten Haushaltsdesinfektionsmittel füllen, die Arbeitsplatte oder was immer man desinfizieren möchte, demontieren und mindestens für zwei Stunden so in die Lösung legen, dass der Gegenstand vollständig bedeckt ist. Anschließend kann man dann die Arbeitsplatte wieder montieren. Keine wirklich sinnvolle Idee …

Um Oberflächen wirklich sauber zu bekommen, nimmt man einen vorschriftsmäßig angemischten Allzweckreiniger und einen frischen Putzlappen für eine Wischreinigung. Anschließend mit einem sauberen Tuch nachtrocknen und alles ist hygienisch rein. Gebrauchte Putzlappen binden mit dem entfernten Schmutz auch die Keime, die wir von den Oberflächen geholt haben, also ist es aus hygienischer Sicht sinnvoll, sie nicht über längere Zeit zu benutzen. Bei mir kommen Putzlappen nach einmaligem Gebrauch in die Wäsche. Weil ich nicht jeden Tag Putzlappen wasche, lasse ich die gebrauchten an einem diskreten Ort trocknen und wenn ich eine gute Menge beisammen habe, dürfen sie eine 60-Grad-Runde mit Vollwaschmittel in der Waschmaschine mitfahren.

Desinfizierende Seifen:

Bei Seifen hat die Stiftung Warentest untersucht, ob Produkte mit oder ohne desinfizierende Zusätze mehr Bakterien beseitigen. Das Ergebnis war, dass alle Seifen gleich gut sind, es kommt nur auf eine ordentliche Waschtechnik an. Wer nur die Finger kurz mit Wasser benetzt wird auch mit desinfizierenden Seifen keinen Erfolg haben. Insbesondere die Seife von Sagrotan hat im Test versagt, sie konnte als einzige ihre Versprechen nicht halten. (Siehe „Sagrotan fällt durch: Antibakteriell ist nicht besser. Beim Test von Handseifen säubern alle Produkte die Hände gründlich und beseitigen Gerüche. Eine Seife hält aber nicht, was sie verspricht.“ im Tagesspiegel vom 21.01.2011)

Desinfizierende Spülmittel:

Besonders sinnlos sind Spülmittel mit Desinfektionsmittel. Statt dessen sollte man lieber den Spüllappen oder –schwamm nach jedem Gebrauch wechseln und die gebrauchten bei mindestens 60 °C mit Vollwaschmittel waschen, denn in ihnen sammeln sich die Essensreste aus dem Spülwasser, die dann einen hervorragenden Nährboden für Bakterien bieten. Für Spüllappen oder -schwämme, die länger als 24 Stunden im Gebrauch sind, sollte man meiner Meinung nach eine Waffenscheinpflicht einführen …

Desinfizierende Zahncremes und Mundspüllösungen:

Die Nutzung desinfizierender Mundspüllösungen oder Zahncremes ist nicht nur sinnlos, sondern sogar schädlich, wenn man keine Infektion im Mund hat. Wenn man nur vorsichtshalber (prophylaktisch) desinfiziert, hat das Desinfektionsmittel keinen echten Feind, tötet also die Keime ab, die jeder gesunde Mensch im Mund hat und braucht. Diese Keime haben eine wichtige Aufgabe: Sie müssen – wie die auf der Haut und im Darm ebenfalls – den Platz besetzt halten, falls krankmachende Keime vorbeikommen. Diese können dann nicht den Menschen befallen, da die „Platzhalterkeime“ sie nicht auf die Schleimhaut lassen: „Du kommst hier net rein!“ Wer aber seine „Platzhalterkeime“ – die sogenannte Mundflora – tötet, öffnet damit einer Infektion Tür und Tor, weil niemand mehr verhindern kann, dass pathogenen (krankmachenden) Keime eindringen.

Antibiotika:

Jeder hat schon mal von den sogenannten „Killerbakterien“ gehört, zum Beispiel von MRSA (Multiresistenter oder Methicillinresistenter Staphylokokkus Aureus). Das sind Keime, die praktisch gegen jedes Antibiotikum resistent (unempfindlich) sind. Die Ursache ist der zu häufige und/oder inkonsequente Gebrauch von Desinfektionsmitteln und Antibiotika.

Oft verlangen Patienten vom Arzt ein Antibiotikum, obwohl sie nur einen Schnupfen oder eine Erkältung haben, die in den meisten Fällen von Viren hervorgerufen werden. Wenn eine Erkältung ganz plötzlich auftritt und das Fieber sehr schnell steigt, kann man fast sicher von einer Virusinfektion ausgehen, Viren aber können nicht mit Antibiotika bekämpft werden, und das brauchen sie auch nicht. Wenn der Erkrankte sich einfach die Zeit nimmt, sich mal für ein paar Tage ins Bett zu legen und zu pflegen, vielleicht fiebersenkende Mittel zu nehmen und viel zu trinken, dann verschwindet die Erkältung innerhalb einer Woche ganz von alleine. Mit Antibiotikum dauert es die selbe Zeit, aber nicht wegen, sondern trotz des Antibiotikums. Da das Medikament aber keinen „echten“ Gegner vorfindet, vernichtet es die gesunden „Platzhalterkeime“ des Körpers, insbesondere im Darm, und macht den Körper somit anfällig für krankmachende Bakterien.

Der Arzt verschreibt leider trotzdem viel zu oft ein Antibiotikum, weil er keine Lust hat, zum tausendsten Mal zu erklären, dass es nichts bringt. Für ihn ist es einfach unwirtschaftlich, sich mit Patienten auf end- und erfolglose Diskussionen einzulassen. Ein Rezept kann er im Bruchteil der Zeit ausstellen.

In Fällen, in denen tatsächlich Bakterien den Menschen krank machen, sind Antibiotika und Desinfektionsmittel natürlich ein Segen. Wer hat das noch nicht erlebt: Der Hals ist dick geschwollen, die Mandeln voller Eiterpünktchen (ein deutliches Zeichen für eine bakterielle Infektion) und hohes Fieber. Der Arzt verschreibt ein Antibiotikum und schon nach einer einzigen Tablette verspürt man eine leichte Linderung. Das Fieber beginnt zu sinken, das Krankheitsgefühl nimmt ab, der Hals fühlt sich nicht mehr gar so schlimm an. Nach der zweiten Tablette ist das Fieber manchmal schon fast weg und wahrscheinlich bei der dritten fängt man schon an zu überlegen, ob es denn wirklich nötig ist, die dicken, fiesen Tabletten bis zum Schluss durchzunehmen.

So landen viele Packungen mit Antibiotika angebrochen im Müll oder in der hintersten Ecke des Medizinschranks. Die Krankheitserreger sind zu dem Zeitpunkt aber noch nicht alle erledigt. Die verbleibenden Bakterien können nun, nach Absetzen des Medikaments, die Krankheit neu aufflammen lassen. Oder aber sie verändern ihre Struktur so weit, dass sie unempfindlich gegen das Antibiotikum zu werden, und schlagen später in neuer Formation und vielleicht an anderer Stelle wieder zu. Aber dann hilft uns das Antibiotikum leider nicht mehr …

Deshalb ein paar dringende Bitten, um Resistenzen zu vermeiden

Benutzt Desinfektionsmittel bitte nur dann, wenn jemand aus der Familie eine übertragbare Krankheit hat, und dann bitte nur ein Mittel aus der Apotheke, dass streng nach Gebrauchsanweisung angemischt und verwendet wird.

Zu hoch dosierte Desinfektionsmittel schädigen die Gesundheit des Menschen und die Oberflächen, die man damit behandelt. Zu gering dosierte Desinfektionsmittel machen die Krankheitserreger immun gegen den Wirkstoff, deshalb beachtet bitte immer die Gebrauchsanleitung.

Haushaltsdesinfektionsmittel nutzen im Krankheitsfall nichts, weil sie zu niedrig dosiert sind oder nicht den notwenigen Wirkstoff enthalten. Wenn keine ansteckende Krankheit vorliegt, sind sie nicht nur überflüssig sondern sogar schädlich, weil sie die eventuell harmlos herumlungernde Keime nur an den Wirkstoff gewöhnen und sie so unempfindlich dagegen machen.

Bei der nächsten Erkältung könnt ihr den Arzt ja einfach mal fragen, ob er Bakterien oder Viren dahinter vermutet. Wenn er Viren sagt, ist es sinnlos, auf einem Antibiotikum bestehen, denn es nutzt ja gar nichts. Wenn er Bakterien sagt und ein Antibiotikum verordnet, ist es wichtig, die Packung bis zum Ende durch zu nehmen, egal, wie gut ihr euch bereits nach zwei oder drei Tabletten fühlt und wie fies die Dinger auch schmecken.