Olga Ordentlich

Fragen

Fragen, die Sie  sich bei jedem Gegenstand, den Sie besitzen, einmal stellen sollten:

Bitte nicht missverstehen: Niemand soll jetzt augenblicklich jeden Gegenstand in seinem Besitz überprüfen. Aber jedesmal, wenn Ihnen ein Gegenstand in die Hände fällt, weil er nicht an seinem Platz ist – sei es nun heute oder in sechs Monaten – sollten Sie sich diese oder ähnliche Fragen dazu stellen. Wenn Sie sich die Fragen an Ihre Gegenstände zur guten Gewohnheit machen, werden bald Sie Herr/in über die Dinge sein statt umgekehrt.

Hat der Gegenstand für Sie oder Ihre Familie eine Funktion? Sprich: Kann er etwas?

Eine Knoblauchpresse kann z.B. Knoblauch pressen, eine defekte Knoblauchpresse kann dies nicht. Eine dritte Knoblauchpresse in Ihrem Haushalt kann diese Aufgabe aber auch nicht besser erledigen als die anderen beiden, also hat sie im Grunde genau so wenig Funktion wie die zweite oder eine kaputte Knoblauchpresse. Warum verschenken Sie sie nicht?  Sie müssen sie nicht für den „Notfall“ aufbewahren, denn in der Regel findet man sie im Notfall sowieso nicht und kauft sich dann das vierte Exemplar.

Brauchen Sie wirklich so viele Reserven?

Müssen Sie tatsächlich Bettwäsche und Handtücher in Mengen für ein mittleres Hotel bevorraten? Und das verschlissene Zeug für den Notfall bunkern? Auch die völlig verschlissenen Teile, die Sie bereits – um später einmal Putzlappen daraus zu machen – in den Keller gepackt haben: Sie werden im Zeitalter der wirklich billig zu erwerbenden Hightech-Fasern wohl kaum jemals in den Keller gehen, um sich aus alten Laken Flanellläppchen zu schneiden.

Brauchen Sie wirklich einen Vorrat von mindestens sechs Flaschen Duschgel, fünf Tuben Zahncreme und 30 verschiedene Reinigungsmittel für den Haushalt? Sie sollten einfach erst mal alle Vorräte aufbrauchen und damit wieder Platz in Bad und Küche gewinnen. Die Reinigungskraft der Tenside in den Putzmitteln ist nicht unbegrenzt haltbar, auch wenn kein Haltbarkeitsdatum drauf steht. Dasselbe gilt für Waschpulver. Allzu große Vorratshaltung führt also nur dazu, dass die Mittel nicht mehr richtig wirken, wenn Sie sie dann endlich benutzen.

Brauchen Sie die ganzen Wischmops und Hightech-Reinigungsgeräte aus dem TV-Shop oder müllen sie Ihnen nur ungenutzt die Abstellkammer zu? Es genügen ein oder zwei Teile, die wirklich funktionieren, die anderen machen Ihnen nur ein schlechtes Gewissen, weil Sie mal wieder auf die Werbung hereingefallen sind. Sie sollten den nutzlosen Kram so schnell wie möglich aus Ihrem Gesichtsfeld verbannen.

Wenn der Gegenstand eine Funktion hat, welche ist es dann?

Mal angenommen, Sie hätten zwölf zauberhafte silberne Serviettenhalter in einer Schublade herumliegen. Diese können Servietten zusammenhalten. Wunderbar. Aber was, wenn Sie in Ihrem ganzen Leben noch keine Stoffserviette besessen hätten und auch nicht vorhätte, welche anzuschaffen. Wie wahrscheinlich wäre es dann, dass Sie in den nächsten – sagen wir mal fünf Jahren – diese Serviettenhalter benötigen oder gar benutzen? Sicher hätten Sie mehr davon, wenn Sie die Dinger verkaufen.

Sollten Dinge, die eine Funktion haben, nicht auch an einem Platz sein, an dem sie diese erfüllen können?

Der Salzstreuer ist sicher ein nützliches Teil, nur wird niemand ihn so leicht im Bücherregal finden, wenn er dann gebraucht wird.

Wenn Sachen  keine Funktion haben, warum stehen sie noch in Ihrer Wohnung herum?

Die blaue Vase von Tante Renate steht nun schon seit 20 Jahren herum und macht Ihnen ein schlechtes Gewissen. Aber Sie werden sie sicher auch in den nächsten 20 Jahren nicht benutzen, also hat dieser Gegenstand für Sie keinerlei Funktion. Ein guter Grund, sie endlich zu entsorgen.

Wer hat den Krempel überhaupt in die Wohnung gebracht?

Wer hat sie nicht, die lieben Verwandten, die einem hübsche Dinge mitbringen, die diese selbst einmal zur Hochzeit oder zur Silberhochzeit bekommen haben, die sie aber leider, leider nicht nutzen können, weil sie doch gar keinen Platz dafür haben oder weil sie sich für die tolle Vase doch gar nicht mehr die Blumen leisten können? Ja, das ist die Tantenfalle. Da sollte man nicht hineintappen! Wir sind doch nicht der Wertstoffhof für die Verwandtschaft. Wir sind nicht dafür da, alles in Ehren zu halten, was andere los werden wollen. Entweder sagt man dankend „nein“, oder – wenn man das nicht schafft – sollte man das „Geschenk“, sobald der Besuch gegangen ist, in den Müll werfen oder in einen Second-Hand-Laden bringen, wenn es noch einen Käufer finden könnte. Der Besuch wird nie wieder danach fragen, weil er genau weiß, dass er einen als Deponie missbraucht hat und man braucht nicht die Verantwortung für einen Gegenstand zu übernehmen, den weder man selbst noch der Vorbesitzer haben wollte.

Welchen Wert haben diese Bücher, Zeitschriften, Filme noch für Sie?

Werden Sie dieses Buch jemals wieder lesen? Und wenn Sie es dann irgendwann in 20 Jahren wirklich noch mal lesen möchten, können Sie es dann nicht auch in der Stadtbücherei ausleihen? In 20 Jahren ist es wahrscheinlich sowieso längst kostenlos online zu haben.

Ist dieses Fachbuch von 1973 wirklich noch aktuell? Und die Computerfachzeitschriften von vor drei Jahren? Die Modehefte der letzten 30 Jahre? Sehen Sie sich die alten VHS-Kassetten wirklich noch an oder sollte Sie sich einfach nur Ihre absoluten Lieblingsstücke aufbewahren und ggf. digitalisieren oder als DVD nachkaufen?

Hat diese Sammlung eine emotionale Bedeutung für Sie?

Hat diese Sammlung aus 50 oder 500 oder 1000 Stücken von „was auch immer“ wirklich noch eine Bedeutung für Sie? Oder hat sie sich schon verselbstständigt und bereits Sie unter Kontrolle, statt dass Sie die Sammlung unter Kontrolle haben?

Haben Sie die Möglichkeit, sich an Ihrer Sammlung zu erfreuen und sie hübsch zu präsentieren oder nimmt Ihnen das Zeug bereits die Luft zum Atmen? Wenn es Sie schon beengt und Sie die Sammlung nicht mehr genießen können, hat sie leider nur noch eine negative emotionale Bedeutung und Sie sollten sich so bald wie möglich davon befreien.

Wieviel Dekoration verträgt Ihre Wohnung?

Nippes, Dekoration … Nun ja, Sie sollten überlegen, wieviel davon Ihre Wohnung verträgt, ohne dass es überfüllt oder gar unordentlich aussieht. Wer ein Händchen dafür hat, kann hübsche Effekte damit erzielen, aber als Basis für hübsche Dekorationen brauchen Sie auf jeden Fall erst einmal eine aufgeräumte, luftige Wohnung. Jede dekorative Präsentation braucht Raum, um richtig wirken zu können.

Was ist mit der zu engen oder zu weiten Kleidung?

Wollen Sie wirklich warten, bis Sie in drei oder fünf oder acht Jahren wieder in dieses zauberhafte Kostüm passen? Und wollen Sie sich dann, wenn Sie es endlich geschafft haben abzunehmen, mit einem richtig, richtig alten und total unmodernen Kostüm belohnen?

Die Liste könnte unendlich weiter gehen, aber es dürfte klar geworden sein, was ich mit diesen Fragen meine. Wichtig ist, dass Sie sich immer wieder kritische Fragen stellen, wenn ein Gegenstand auftaucht, den Sie nicht sofort und sicher einer Funktion und einem Raum zuordnen können.